Code in kategoriale Dokumentvariable transformieren

Bewertende Kategorien in der (qualitativen) Inhaltsanalyse

In vielen Forschungsprojekten werden Formen einer bewertenden Inhaltsanalyse eingesetzt. Diese laufen im Prinzip so ab, dass zunächst bewertende Kategorien mit in der Regel ordinalen Ausprägungen definiert, im nächsten Schritt Textstellen codiert und anschließend Auswertungen inklusiver deskriptiv-statistischer Analysen vorgenommen werden. Ein gutes Beispiel für diese Form des analytischen Vorgehens ist die von Udo Kuckartz (2018) beschriebene „evaluative qualitative Inhaltsanalyse“. In seinem Lehrbuch findet sich ein Beispiel für die Kategorie „Verantwortungsbewusstsein“, die drei Ausprägungen hat „niedrig“, „mittel“ und „hoch“. Dabei ist die Ausprägung „hohes Verantwortungsbewusstsein“ wie folgt definiert:

A1. hohes Verantwortungsbewusstsein
DefinitionSubjektive Überzeugung, für die Pro¬bleme des globalen Klimawandels (Mit-)Verantwortung zu tragen.
– Person sagt klar: ICH spüre Verantwortung und reflektiert die eigene Involviertheit.
– Handlungsbezug: Überzeugung, selbst etwas zur Verbesserung der Probleme des globalen Klimawandels beitragen zu können (und zwar nicht im Konjunktiv geäußert).
– Konkrete aktive Handlungen werden benannt, diese sollten sich aber nicht nur auf kleinteilige Bereiche beziehen, die mit den Problemen des globalen Klimawandels wenig zu tun haben wie etwa Papier und Zigarettenkippen auf der Straße aufzusammeln.
Konkrete Beispiele„Das ist auf jeden Fall da, […] die Probleme des 21. Jahrhunderts ist ein Riesen-Begriff, ist ein Riesen-Ding und klar spüre ich eine Verantwortung, aber die Verantwortung spüre ich für mein direktes Umfeld erstmal, weil da kann ich handeln, wenn ich mich jetzt verantwortlich fühle für irgendwelche großen Flut¬katastrophen, die jetzt im 21. Jahrhundert immer mehr werden auf der Welt, da wüsste ich jetzt nicht wo ich wirklich anfangen sollte, was zu tun, wenn ich das so vor Augen habe, aber wenn ich mir überlege, dass auch unsere Böden hier erodieren, dann spüre ich mich auf jeden Fall in der Verantwortung da irgend¬wie gegenzusteuern, zu sagen, wenn ich was kaufe, dann kaufe ich nur von Leuten, die so wirtschaften, dass unsere Erde, aus der wir unser Essen ziehen, irgendwie erhalten bleibt.“
Hinweise für CodierendeAlle drei Aspekte der Definition müssen mehrheitlich in Richtung „hoch“ weisen. Es muss erkennbar sein, dass es um die Person selbst geht (Indikator: Gebrauch von „ich“ anstelle von „man“ oder passiven Formulierungen).

Der für inhaltsanalytische Auswertungen obligatorische Codierprozess verläuft nun so, dass das gesamte Material durchgearbeitet wird und einschlägige Textstellen, d.h. solche, die sich auf die Kategorie „Verantwortungsbewusstsein“ beziehen, von den Codierenden bewertet werden. Das heißt, dass jeder einzelnen Textstelle, die einen Bezug zum Thema „Verantwortungsbewusstsein“ aufweist, auf der Basis des Codierleitfadens die Ausprägung „hoch“, „mittel“ oder „niedrig“ zugeordnet wird.

Abschließend wird für jeden Fall (das ist eine Person im Fall eines Interviews) eine Gesamteinschätzung vorgenommen und es wird entschieden, welche Ausprägung als summarische Charakterisierung des Verantwortungsbewusstseins dieser Person die richtige ist. Im weiteren Analysegang können dann Personen mit hohem Bewusstsein solchen mit niedrigem Bewusstsein gegenübergestellt werden. Auch lassen sich Häufigkeiten auszählen und ggf. auch Kreuztabellen mit anderen Kategorien erstellen.

Prinzip der Umsetzung mit MAXQDA

Bei der Umsetzung der Methode der bewertenden Inhaltsanalyse mit MAXQDA geht man so vor, dass man zunächst eine Kategorie „Verantwortungsbewusstsein“ mit den Subcodes „hoch“, „mittel“ und „niedrig“ im Codesystem definiert. Die Kategoriendefinitionen und geeignete Ankerbeispiele werden in Form von Code-Memos festgehalten.

Nun wird das Material durchgearbeitet, d.h. der erste Text wird bearbeitet und Zeile für Zeile durchgegangen. Die unter die Kategorie „Verantwortungsbewusstsein“ fallenden Textteile werden identifiziert, markiert und mit der zutreffenden Ausprägung – z.B. hohes Verantwortungsbewusstsein – codiert. Wenn man einen bestimmten Text auf diese Weise von Beginn bis zum Ende durchgearbeitet hat, können folgende Situationen entstehen:

  • Es gibt eine oder mehrere Textstellen zum „Verantwortungsbewusstsein“, die alle mit der gleichen Ausprägung – z. B. „mittleres Verantwortungsbewusstsein“ – codiert wurden. In diesem Fall ist es nur folgerichtig, dem gesamten Fall die entsprechende Ausprägung – hier „mittleres Verantwortungsbewusstsein“ – zuzuordnen.
  • Es gibt eine oder mehrere Textstellen, die aber nicht mit der gleichen Ausprägung codiert wurden (z. B. drei Textstellen mit „mittleres Verantwortungsbewusstsein“ und eine Stelle mit „hohes Verantwortungsbewusstsein“). In diesem Fall ist es naheliegend, dem gesamten Fall diejenige Ausprägung zuzuordnen, die am häufigsten zugeordnet wurde.
  • Es gibt eine oder mehrere Textstellen, die nicht mit der gleichen Ausprägung codiert wurden, wobei keine eindeutige Tendenz festzustellen ist (z.B. zwei Stellen mit „mittleres Verantwortungsbewusstsein“ und zwei Stellen mit „hohes Verantwortungsbewusstsein“). In diesem Fall kann keine eindeutige Zuordnung für den ganzen Fall qua Automatik erfolgen, sondern die entsprechenden Textstellen müssen zunächst gegenübergestellt werden und es muss daraufhin von den Codierenden entschieden werden, welche Ausprägung als summarisches Urteil richtigerweise zugeordnet wird.
  • Es gibt keine Textstelle, die mit einer der Ausprägungen von Verantwortungsbewusstsein codiert wurden, d.h. der gesamte Text enthält keine Hinweise auf die Ausprägung des Verantwortungsbewusstseins dieser Person. Somit ist dem Fall auch keine Gesamteinschätzung zuzuordnen, sondern das „Verantwortungsbewusstsein“ bleibt nicht erschließbar und muss in nachfolgenden Analysen als fehlender Wert behandelt werden.

Die Funktion „In kategoriale Variablen transformieren“

Nach dem Codieren der einschlägigen Textstellen wird die Option In kategoriale Variable transformieren bei dem entsprechenden Code im Kontextmenü angeklickt.

Aufruf der Funktion „in kategoriale Variablen transformieren“ aus dem Kontextmenü

Nach Aufruf der Funktion geht MAXQDA folgendermaßen vor:

  1. In der „Liste der Dokumentvariablen“ wird eine neue kategoriale Variable mit dem Namen der betreffenden Kategorie – hier also „Verantwortungsbewusstsein“ – erzeugt.
  2. Alle Fälle der „Liste der Dokumente“ werden evaluiert, wobei im Prinzip so vorgegangen wird, wie oben beschrieben wurde. Das bedeutet:
    1. dem Fall wird diejenige Ausprägung zugeordnet, die bei diesem Fall am häufigsten codiert wurde
    2. wurden mehrere Ausprägungen gleich häufig codiert, wird der Variablenwert der kategorialen Variable „Verantwortungsbewusstsein“ auf „nicht definiert“ gesetzt, d.h. die Codierenden müssen die entsprechenden Textstellen noch einmal inspizieren und dann auf dieser Basis selbst eine Entscheidung vornehmen (oder es bei dem „nicht definiert“ belassen)
    3. wenn im betreffenden Text keine Textstelle zu dieser Kategorie codiert wurde – also nichts zum Thema „Verantwortungsbewusstsein“ enthalten ist – dann wird der Wert der kategorialen Variablen leer gelassen. Dies wird später üblicherweise von Statistikprogrammen als fehlender Wert behandelt.
  3. Direkt nach der Erstellung wird der „Dateneditor für Dokumentvariablen“ geöffnet:
Dateneditor mit neuer kategorialer Variable „Verantwortungsbewusstsein“
Hinweis: Wenn ein Subcode weitere Untercodes hat, bleiben diese und ihre Codierungen bei der Auswertung für die kategoriale Variable außen vor. Es werden also nur die direkten Subcodes eines Codes, der in eine kategoriale Variable transformiert wurde, berücksichtigt.

Dynamische Eigenschaft kategorialer Variablen

In der „Liste der Dokumentvariablen“ von MAXQDA haben die kategorialen Variablen einen besonderen Status. Sie sind am grünen Symbol in der ersten Spalte erkennbar und führen, wie die folgende Bildschirmabbildung zeigt, die Herkunftsbezeichnung „Code“ (Spaltenüberschrift: Quelle); kategoriale Variablen werden als Text-Variable definiert, d.h. die Bezeichnungen der Ausprägungen werden aus dem Codesystem übernommen.

Neu erzeugte kategoriale Variable „Verantwortungsbewusstsein“ in der „Liste der Dokumentvariablen“

Kategoriale Variablen sind dynamisch, d.h. sie ändern ihren Wert, wenn man in Dokumenten weitere Codierungen vornimmt. Wurde bspw. der Wert „nicht definiert“ der Variable „Verantwortungsbewusstsein“ zugeordnet, weil zwei Textstellen mit „hohes Verantwortungsbewusstsein“ und ebenso zwei Stellen mit „mittleres Verantwortungsbewusstsein“ codiert wurden, so müssen die Textstellen erneut durchgelesen werden, um zu einer Entscheidung über den resultierenden Variablenwert – entweder „hoch“ oder „mittel“ – zu kommen. Ändert man nun die Codierung einer Textstelle von „hoch“ zu „mittel“ ab, erfolgt automatisch eine Neuanpassung des zugeordneten Variablenwerts. Dieser wird automatisch von „nicht definiert“ auf „mittel“ gesetzt.

Tipp: Es empfiehlt sich, für die Subcodes unterschiedliche Farben vorzusehen, z.B. grün= „Verantwortungsbewusstsein hoch“, gelb = „Verantwortungsbewusstsein mittel“ und rot = „Verantwortungsbewusstsein niedrig“. Schaltet man nun in der Spalte mit den Codierstreifen die Option Codierte Textstellen in Farbe ein, dann lassen sich bei einem erneuten Materialdurchgang sehr schnell die zu inspizierenden Textstellen finden.

Kategoriale Variablen im Kontext der Mixed-Methods-Funktionen

Kategoriale Variablen lassen sich hervorragend in Kombination mit den Mixed-Methods-Funktionen von MAXQDA nutzen. Dies beginnt bereits mit der Funktion Aktiviere Dokumente via Variablen, die es bspw. ermöglicht, sich nur die Textstellen der Personen mit einer bestimmten Ausprägung des Verantwortungsbewusstseins anzusehen.

Mit der Funktion Kreuztabellen lässt sich ein aggregierter Überblick über die Anzahl der Codierungen bei anderen Kategorien des Kategoriensystems in Abhängigkeit von der Einstufung des Verantwortungsbewusstseins erhalten. Die Ausprägungen des Verantwortungsbewusstseins werden dabei in den Spalten dargestellt. Mit einem Mausklick kann man zu den gewissermaßen hinter den Zahlen liegenden Textsegmenten gelangen und bewirken, dass alle zugehörigen Textstellen in der „Liste der codierten Segmente“ zusammengestellt werden.

Mit der Funktion Segmentmatrix erhält man eine detaillierte tabellarische Darstellung, in der im Unterschied zur Kreuztabelle nicht nur die Anzahl der jeweiligen codierten Segmente angegeben wird, sondern der Text der Segmente ausgegeben wird.

Die Funktion Typologietabelle ist ähnlich wie die Kreuztabelle aufgebaut, d.h. auch hier sind die Ausprägungen der kategorialen Variablen in den Spalten dargestellt. Nun werden aber nicht die Kategorien ausgewertet, sondern die Variablen. Man kann so etwa erfahren, wie viel Prozent der Personen mit hohem Verantwortungsbewusstsein älter als 30 sind; ob gute Noten im Staatsexamen in Beziehung zum Verantwortungsbewusstsein stehen; wie hoch das Durchschnittsalter nach Verantwortungsbewusstseinstyp ist etc.